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Faszination Baikal

von Halina Tegetmayer

Wenn du mir sagtest, zeig mir ein schönes Stück dieser Erde, dann würde ich dich auf einen Holzsteg setzen, wo im Sommer die Fischerboote anlegen und von wo aus das Wasser sich weit ausbreitet wie ein großer kühler Teppich und würde dir sagen, das ist der Baikalsee, einer der schönsten Orte, die ich kenne.

Und wenn du weiter fragtest, welches ist hier eine Stelle, geeignet zum tiefen Aufatmen, dann stellte ich dich auf eine Anhöhe, zeigte dir, wie die spiegelglatte Oberfläche sich krümmt am Horizont, im späten Sommer blauer als der Himmel und dampfend im frühen Winter, als atme auch der See wie etwas Schweres, Lebendiges.

Würdest du mir sagen, zeig mir eine geheimnisvolle Seite dieses Sees, würde ich mit dir hinauswandern auf das meterdicke Eis im Februar, in die Hütten, die sich die Fischer bauen, sie schlagen ein Loch in die Kälte, um an das Wasser zu gelangen. Wirf einen hellen Stein hinein und sieh zu, wie weit er hinabsinkt, würde ich sagen, wie tief.

Gibt es auch trostlose Orte hier, fragst du, vielleicht stelle ich dich dann dorthin, neben die triste Fassade der Zellstoff-Fabrik.

Zeig mir eine den Menschen vertraute Stelle, ich führte dich nach Listvianka, an den Platz am Ufer, wo die Fischer ihren Fang aufhäufen auf heißen Rosten und die Hunde nach den Häuten und Gräten schnappen, die man für sie fallen lässt.

Du möchtest noch mehr sehen, ich geleite dich zu einem malerischen Plätzchen, hier, stell dich zwischen die Eisenbahngleise, die den See ein kleines Stück umfassen und im Licht glänzen wie eine silberne Haarspange.

Geh allein an seinem Ufer spazieren, du fühlst dich doch nicht einsam, es ist, als sähest du ein Geheimnis offen und weit vor dir liegen.

Willst du eine Überraschung erleben, komm, ich nehme dich mit in ein Dorf, zu dem keine Straße führt und wo die Menschen jeden Tag zum See hinuntergehen, im Sommer durch knirschenden Sand und im Winter durch knirschenden Schnee, bis sie die Ufersteine erreichen und sich bücken, um zu schöpfen, was sie an Wasser heute brauchen, im Sommer beherzt und im Winter vorsichtig, um nicht auszurutschen auf dem Eisrand, der langsam wächst und bald den See zudecken wird. Aber noch betrachtet sich die blasse Wintersonne in seinem matten Spiegel, und geduldige kleine Wellen benetzen das Ufer wieder und wieder.

Das Tausende Jahre alte Lied der Meere - dieser See kennt es und hat es für sich umgedichtet, er singt es und verzaubert alle, die auch nur einmal zuhören.

Deswegen bleiben sie auch hier, die weiten Wiesen, die Bäume und die Berge, die runden Steine und die Felsen, und die Menschen wollen wiederkommen, denn sie kommen, als kämen sie nach Hause zurück, an einen vertrauten Ort

den du kennst

der dich kennt

wo du nur du sein kannst

dem du gleichgültig bist

der nicht nachfragt

der sich selbst genügt

du musst nichts beweisen

Der Baikal ist vor allem eins

er ist da.

 

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Artikel geändert:
30 Jan 2006

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