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Expedition zur Peschera Politechnitscheskaja

von Sebastian Breitenbach

Höhlen sind ein unerschöpfliches Thema rund um den Baikal. Viele sind bereits entdeckt und wurden von enthusiastischen Speleologen kartiert. Viele andere sind, wenn überhaupt, nur dem Hörensagen nach bekannt und versprechen viele unbekannte Räume und Schönheiten der Natur. Nicht vergessen sollte man auch die Bedeutung der Höhlen als Archive des Paläoklimas, also des Klimas der Vorzeit und seiner Veränderungen in der Zeit. Während in aller Welt seit Jahrzehnten Forschung aller möglichen geowissenschaftlichen Zweige in Höhlen betrieben wird, besteht hier in Sibirien nahezu unbegrenzt Forschungsbedarf und viele Entdeckungen und Erkenntnisse sind noch zu erwarten. Im Sommer 2003 fand eine dieser Forschungsexpeditionen zur Polytechnischen Höhle mit dem Speleoklub "ARABIKA" aus Irkutsk statt. Ziel war es, eine Karte der seit den 60ern bekannten Höhle zu erstellen und Proben für weitere Klimaforschung am Geowissenschaftlichen Forschungszentrum (GFZ) in Potsdam zu nehmen.

Die Polytechnische Höhle ist im Pribaikalsker Sapovednik, nur etwa 12km vom Baikal und trotzdem sehr unzugänglich, gelegen. An einem Bach schlagen wir das Lager auf; der Weg war zwar beschwerlich, aber doch viel einfacher, als geplant, dank der Bulldozer, die Schneisen in das Dickicht gerissen hatten. Zunächst wird die Höhle ausgekundschaftet und weitere Eingänge in der Umgebung gesucht, die Ausrüstung den Steilhang zum Eingang geschleppt und eine Arbeitsplattform am Hang angelegt, um sich sicher umziehen und arbeiten zu können. Gleich am darauffolgenden Tag fahren wir das erste Mal in die Höhle ein. Die Politecha ist ein Gangsystem, welches sich an Klüften und Störungen im Gestein orientiert und zwei Etagen aufweist. Begehbar ist sie bisher nur mit alpinen Hilfsmitteln durch einen einzigen Zugang. Der Name wurde ihr von den Erstbegehern des Irkutsker Polytechnikums (der heutigen Technischen Universität) verliehen, die in den 60er Jahren unter abenteuerlichen Bedingungen abgestiegen waren. Nach kurzer Kletterpartie gelangt man in die erste Etage, auf der man das "Gerödel" erstmal ablegen kann, denn hier sind einige horizontale Gänge, die oft hoch hinauf reichen und deutlich Klüfte nachzeichnen. Es finden sich nur wenige Stalaktiten und Stalagmiten. Dafür sind in einigen Räumen sehr schöne Knöpfchensinter (Koralliten) als Zeichen ehemaliger Flutung der Höhle zu sehen. Mehrere Wasserstandsmarken unterschiedlichen Alters können wir entdecken.

Der Boden dieser Etage ist übersät mit zerbrochenem Sinter, der die Decke und die Wände einst auskleidete. Irgendein Ereignis lies diesen "Stuck" zu Bruch gehen. Große Stalagmitenreste, teils umgestürzt, lassen die einstige Pracht erahnen. Unser Kameramann kann die nächsten Tage auf dieser Etage filmen, während wir auf die Zweite absteigen, die nur durch Abseilen in ein kleines Loch in der Decke einer ziemlich großen Halle erreichbar ist. Man gelangt auf einen Schutthang, der sich in der Dunkelheit verliert. Nach unten geklettert, entdecken wir die Spuren unserer Vorgänger, ein Heft mit Eintragungen und Reste von Ausrüstung. Weiter geht's durch einen sehr engen Spalt in die eigentliche zweite Etage. Auch hier ist kein Kletterzeug vonnöten. Langsam kriechen wir durch Schlamm und Geröll, hin und wieder sind sehr hübsche, reinweiße kleine Stalaktiten und herrliche Sinterformen an den Wänden zu sehen.

Immer enger werden die Gänge, und bald heißt es warten. Sascha und Olga sind bereits durch einen unwahrscheinlich engen Riss in einen weiteren engen Kluftgang eingedrungen und kartieren dort. Zur Sicherheit hören Katja und ich auf jedes Geräusch und jede Bemerkung der beiden. Hinter uns führt ein steil abfallender Gang weiter in die Tiefe. Während Katja wartet, krieche ich hinunter. Nach etwa 20 Metern ist Schluss, hier haben Vorgänger versucht, sich nach unten durch den Lehm zu graben. Erstaunlich weit sind sie schon, mehr als acht Meter durch klebrigen Lehm, alle Achtung! Nur wer weiß schon, wie es weiter geht? Noch zwei Meter oder doch 20, und was ist darunter? Nach Stunden kehren wir durchgefroren ans Licht zurück. Wir sind hungrig und staubig. Trotzdem waren die ersten Eindrücke überwältigend. Die nächsten Tage vergehen mit Fotografieren und Filmen, Kartieren Proben entnehmen und dem Aufbau der Klima-Messstation. Am drittletzten Tag der Expedition sehen wir auf der anderen Talseite Rauch aufsteigen. Eine kurze Besprechung und dann sind wir schon auf dem Weg, Feuerwehr zu spielen. Ein mehrere hundert Quadratmeter großes Waldstück steht in Flammen. Wenn wir das Feuer nicht besiegen, wird es unser Lager erreichen und uns zum Abbruch der Expedition zwingen. Alle wissen Bescheid und schon reißen wir junge grüne Bäumchen aus dem Boden und schlagen auf das Feuer ein. Es ist eine Sisyphusarbeit, immer wieder gehen neue Bäume in rasendem Tempo in Flammen auf. Der Boden glüht und unter dem Moos ist dem Feuer kaum beizukommen. Rauch nimmt uns den Atem und nur langsam kriegen wir einen Teil des Feuers unter Kontrolle. Weiter oben am Berg aber ist nichts zu machen, der leichte Wind treibt die Flammen immer weiter, die Baumstämme explodieren und lassen einen nicht dichter ans Feuer heran. Es gelingt lediglich, einen kleinen Teil zu löschen, fix und fertig sind wir aber sicher, das uns das Feuer vorerst nicht erreichen wird. Die folgenden Tage sind rauchgeschwängert. Jeden Tag und manchmal auch nachts gehen wir nachschauen, wie nah uns die Flammen schon sind. Müssen wir evakuieren?

Nichtsdestotrotz geht die Arbeit weiter. Große Teile sind bereits kartiert, den Rest schaffen wir auch noch. Auch die Messstation, die nun über mehrere Monate mehrmals am Tag klimarelevante Daten aufzeichnen wird, ist ausgesetzt und die ersten Proben - immerhin 28 kg - tragen Sergej und ich zum Pass, wo wir sie gut verstecken. Die letzten Tage werden noch einmal unruhig. Unsere weiblichen Teilnehmer kommen sehr beunruhigt von den "Sanitäreinrichtungen": Ein paar frische Bärentapsen machen uns sehr sensibel für knackende Geräusche. Wir schlafen nun weniger fest ... Kein Bär lässt sich blicken, das Feuer kommt näher, aber wir schaffen trotzdem unser Pensum. Am Abmarschtag geht’s zügig aus dem Rauch. Noch ein Abstecher aufs Plateau, auf dem Sascha noch andere Höhlen kennt, aber diesmal nicht finden kann, dann geht’s den beschwerlichen Weg das Tal entlang, am Feuer vorbei bis zum alten Brandherd, wo nur noch Stümpfe und starke Bäume stehen. Wir machen Mittagspause. Kaum sind wir beim Essen, ist pünktlich, wie verabredet, unser LKW da und holt uns ab. Das heißt für uns Freudentanz, denn wir hatten uns schon fast damit abgefunden, die 700 Höhenmeter bis zum Pass mit dem gesamten Gepäck und den zusätzlichen Proben hinaufkrauchen zu müssen. Diese Sorge sind wir nun los, dank den unschätzbaren Leistungen des GAS 66 und seines Fahrers, der den eigentlich unpassierbaren Weg meisterte. Die Expedition war ein voller Erfolg, und nun heißt es erst einmal Proben auswerten. Diese Arbeit wird noch bis Winter 2004, möglicherweise auch länger dauern. Dann aber wird vielleicht ein kleines Stückchen Klimageschichte rekonstruiert werden können, von einer Region, die noch viele Rätsel aufgibt.

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