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Mit dem Sonderzug von Irkutsk nach Port Baikal

Über eine eher nervige 2-Tagestour von Irkutsk an den Baikal - von Franziska Mischek

Verlockend hörte sich das Angebot an. Mit einem Sonderzug ein Stück ehemalige Transibstrecke immer entlang des Baikals zu fahren, auf der sogenannten "goldenen Schnalle des russischen Stahlgürtels". Von Irkutsk über Sludjanka am Südufer des Baikalsees nach Port Baikal. Sicherheitshalber eine halbe Stunde vor Abfahrt fanden wir uns auf dem Bahnhof ein, trotzdem lachte die Kassiererin nur, als wir nach Tickets fragten. Seit 2 Wochen ausverkauft! Weil aber in Russland manchmal mit unschuldigem Lächeln und ausländischem Akzent, zur Not auch einem kleinen Aufpreis, einiges zu erreichen ist, stellten wir uns einfach auf den Bahnsteig und klagten dem Zugchef unser Leid, dass wir am übernächsten Tag schon wegfahren müssten und so gerne mit der Tour mitwollten. Man fand sowohl für uns, als auch für einige andere spontane Reisende noch Plätze. Große Freude doch mitgekommen zu sein und gleich den Baikal zu entdecken machte sich breit, als wir uns niederließen. Nett begrüßte uns der Reiseleiter an Bord und die Fahrt begann in Richtung Sludjanka. Dort deckten sich in der ersten halbstündigen Pause alle erstmal mit auf dem Bahnsteig zum Verkauf angebotenem Omul (Baikalfisch) ein. Der Zug wurde danach zum einen voll, weil der Sonderzug für die Strecke Sludjanka-Port Baikal auch Elektritschka-Funktion hatte und zum anderen roch er schon am Anfang des warmen Sommerstags extrem nach Fisch. Der moderne Triebwagen war bis Sludjanka für russische Züge rasant schnell, auf der nun folgenden Strecke schien der Zugführer aber Schneckentempo zu bevorzugen. Der Blick auf den Baikal hielt uns aber noch so gefangen, dass wir uns weder an Tempo, noch an den Photostopps, die für uns viel zu kurz waren, störten.

Als der Fahrplan für den Tag angesagt wurde, konnten wir uns nur gerade so auf den Sitzen halten, da der Reiseleiter verkündete, dass die Tour bis abends 20.00 Uhr gehen sollte. Die Information hatten wir in Irkutsk glatt übersehen. Wir hatten damit gerechnet, schnellstmöglich ans Ziel zu gelangen und dort weiterzuwandern. Nur 84 Kilometer und dafür noch 10 Stunden? Das Rätsel, wie diese zu verbummeln seien, tat sich uns erst sehr langsam über den Tag verteilt auf. Während der Halte, die ab Sludjanka in einem Intervall von 20 Minuten stattfanden, kletterten erst alle vom Zug, posierten dann 10-15 Minuten vor dem Baikal, vor einer Felsmauer oder am Ende eines Tunnels und stürmten dann wieder in den Zug um weiter zu essen, dem Reiseführer zu lauschen oder Karten zu spielen. Der Reiseleiter hielt uns während der Fahrt mit informativem Geschwätz auf dem Laufenden: "Dort sehen sie die "Turbasa" Baikaltourist, dort stehen ihnen für den Urlaub am Baikal 2-Zimmerbungalows und ein gepflegter Speisesaal zur Verfügung. Hier auf der rechten Seite sehen sie jetzt die Turbasa, auf der Wladimir Putin im letzten Jahr ein Treffen mit wichtigen Vertretern der GUS abgehalten hat. Sehen sie, wie schön dort alles aussieht, sogar einen neuen Steg haben sie gebaut und auch die Tennisplätze sind neu. Aber das alles ist natürlich nur für VIP's zugängig und hat seinen Preis..." Beim fünften Halt waren wir schon etwas verstimmt, leider hatten wir auch morgens versäumt, Verpflegung mitzunehmen. Schließlich gibt es in Russland auf jedem Bahnhof Omas, die leckere Snacks verkaufen. Nur halt kurz vorm Baikal nicht! Und auf hungrigem Magen war diese Tour noch viel schlechter zu ertragen.

Der Geräuschpegel wurde immer lauter, neben dem Reiseleiter dudelte eine CD mit den letzten Hits der russischen Parade parallel zu dem Geplärre einer verstaubten sowjetischen Komödie aus dem Fernseher. Mittagspause! Zwei Stunden Ruhe! Wir suchten uns ein schönes Plätzchen am See, um den Omul, der unser einziger Essensvorrat an diesem Tag war, zu verspeisen. Weil so ein Omul aber zu zweit schnell verspeist ist und sich die Steine am Wasser alles andere als bequem erwiesen, streiften wir durch die nähere Umgebung. Egal wo wir auch hingingen, überall trafen wir andere Touristen auf der Suche nach einem ungestörten Plätzchen. Und die Mücken ignorierten unsere Mückencreme und stürzen sich auf uns, so dass wir den Rest der Mittagspause in Bewegung auf der Flucht vor diesen Biestern waren. Als es endlich weiter ging, resümierten wir, endlich die Hälfte der Strecke erreicht zu haben. Immer mehr Leute stiegen aus, um einfach weiter zu wandern. Wir waren auf so ein Abenteuer aber nicht vorbereitet und ärgerten uns schwarz, dass wir im Zug gefangen waren. Der Reiseleiter organisierte währenddessen Quartiere für die Nacht. Nachdem ich mich danach erkundigte und bereitwillig Auskunft über unsere Herkunft und Reiseziel gegeben hatte, erzählte der mittlerweile quasselige Reiseleiter über das Mikro über die ausländischen Gäste an Board. Wir wurden ganz klein in unseren Sitzen und wünschten uns einmal mehr weg aus diesem Zug. Die Krönung der Fahrt war der begeisterte Ausruf des Reiseleiters, etwa eine Stunde vor Ende der Tortur, dass er uns jetzt was ganz neues präsentiert. Neuerdings war an Board des Sonderzuges sogar Karaoke möglich! Um dies zu demonstrieren und uns auf die nächsten Fahrten einzuladen, wo dann die ganze Fahrt gesungen werden könnte, schepperte er auch gleich die schönsten russischen Schlager drauf los.

Port Baikal! Raus hier! Das Angebot des Reiseführers, auf seiner Datscha mit in die Sauna zu gehen, schlugen wir höflich aus und stürmten, nachdem wir eine Unterkunft gefunden hatten, ein Lebensmittelgeschäft. Die Lust auf Wandern am Baikal ist uns am Tag im Zug mächtig vergangen, wir schafften es noch, auf eine kleine Anhöhe über der Angara zu klettern und in unsere Betten zu fallen. Am nächsten Morgen hieß es früh wach werden, weil die Fähre nach Listvjanka auf der anderen Seite der Angara nicht sehr häufig fuhr. Dort war auch nicht viel mehr zu tun, als das Dorf einmal auf und ab zu laufen und ein Marschrutka nach Talcy zu nehmen. Das wirklich sehenswerte ethnografische Open-Air-Museum rettete uns den Ausflug. Bei wunderschönem Sonnenschein erkundeten wir das Dorf, das die Kultur und alte Bauweisen in Ostsibirien vorstellt.

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